Unerwartete Begegnungen

Ganz geruhsam sollte der letzte volle Tag in Linares werden. Eben ein Freitag. Die Gäste für den Abend waren bereits eingeladen. Eine biblische Zahl hatten wir erreicht. Zwölf sollten es sein. Also hieß es am späten Vormittag einkaufen. Antonia wollte ausschlafen und mit ihrer Gastfamilie frühstücken. Ich dagegen besuchte wie üblich um 8:00 Uhr die tägliche Messe gleich nebenan in der Seitenkapelle von San Antonio de Padua. Raul stand heute der Eucharistie vor. Danach schnappte ich mir das Messbuch, eine bereits approbierte Übersetzung von 2009 der neuen und umstrittenen lateinischen Fassung, um die Textteile für die Diakone herauszuschreiben. Dabei kam ich mit Raul in eine ausführliche Diskussion um die Situation der Kirche, ihrer Leitung in Rom und den Problemen in Chile und bei uns. Trotz meiner mangelnden Vokabelkenntnisse und meines eher bescheidenen Ausdrucks war es ein unerwartet lebendiges und interessantes Gespräch.

Der Einkauf für Käsespätzle und ‚deutschen‘ Salat‘ sowie die Auswahl aus einer herbstlich überfließenden Fruchtauswahl war schnell besorgt. Die anderen Einkaufswünsche dagegen dauerten länger: Matetee, Manchar, Pisco, Dulces und Wein.

 

Wieder im Pfarrhaus angekommen, wollten wir gleich loslegen mit Schnippeln und Salatwaschen. Doch ‚tranquilo‘ zuerst noch was von der superfeinen Pasta von Raul kosten. Doch dann mit Volldampf an die Vorbereitung des Abendessens, schließlich hatte uns Ibar zum Treffen der Senioren in der Pfarrei um 15:30 gebeten.

Die alten Menschen beten schon im fünften Gesetzle den Rosenkranz als wir dazu stießen. Schon hatte ich die Fantasie, dass das ein recht gewöhnlicher Nachmittag werden könnte. Doch weit gefehlt. Es ging noch richtig die Post ab. Ein blinder Bewohner des Altenheims, der am seinem Stock nur mühsam vorwärtskam, explodierte geradezu, als es die Gitarre in den Händen hielt und das Headset seine kräftige und soulige Stimme verstärkte.

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Er wollte gar nicht mehr aufhören. Doch weitere Liedvorträge folgten. Ein jüngerer Mann trug spirituelle Lieder vor. Señora Rosa entwickelte improvisiert zu rhythmischen aber gleichförmigen Gitarrenschlägen einen ebenfalls gleichförmigen Sing-Sang, der bei den Zuhörenden begeisterten Applaus hervorrief. Don Juan trug dazwischen selbst Gedichtetes vor. Und schließlich folgten zwei Runden Queca (chilenischer Nationaltanz) stilsicher und formvollendet von über 80jährigen vorgetragen.

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Jetzt tobte der Saal, der beim Rosenkranz dagegen noch geradezu unbeteiligt erschien. Natürlich gab es zwischendrin Teesito und in Öl ausgebackenes Fladenbrot mit Knoblauch gewürztem Tomatensalat und Biskuit-Löffel. Nachdem ich schon Begrüßungsworte sagen durfte, unverdient ein Weinpräsent erhielt, bat mich mein Diakonskollege Ibar den abschließenden Segen zu sprechen. Und das Gemeinderadio bat mich zum Interview, das zum Glück Antonia gekonnt übersetzte.

Jetzt war es aber höchste Zeit für das ‚Once‘ (Vesper) um 18:00 Uhr mit den Mitgliedern im Diözesanvorstand und Nationalvorstand von Kolping, Gema und Alvaro zusammen mit Waldo, der Diözesanpräses und der Gemeindepfarrer von den Beiden ist. Sie hatten das Bedürfnis mit uns über die Situation der Zusammenarbeit der Kolpingsfamilien und der Kolpingjugend in Linares zu sprechen. Es wurde ein überaus offenes und spannendes Gespräch, das zeigte wie gleich oft die Probleme der Zusammenarbeit von Menschen im Kolpingwerk egal wo auf der Welt sind. Schließlich wurde klar, dass es dringend einen direkten Kontakt zwischen den Verantwortlichen der Kolpingjugend und der sieben Kolpingsfamilien in Linares braucht. Das Gespräch sollte von einem Moderotor oder Mediator geleitet werden. Ziel soll sein die Kooperation auf neue Füße zu stellen und auch die Nutzung des neuen Casa Kolping mit oder durch die Kolpingjugend zu klären.

 

Politik im Internationalen Kolpingwerk

Auch machten wir ein bisschen Politik im Hinblick auf die anstehende Kandidatensuche für das Amt des Generalpräses. Dabei wurde auch klar, dass Waldo die Anforderzungen an dieses Amt erfüllen könnte aber sich das leider gar nicht vorstellen kann. So blieb es bei der Fantasie, dass der schweizerische und mexikanische Nationalpräses mögliche Kandidaten sein könnten.

 

Zum Abschied fragte uns Gema, ob wir noch Platz im Koffer hätten und schenkte uns noch eine sicher drei Liter fassende Karaffe aus dunklem gebrannten Ton, ein Beispiel aus der reichhaltigen Produktpalette ihrer Kolpingsfamilie.

Danach nix wie Heim, denn die Gäste wollten um 21.30 Uhr eintreffen. Wir mussten noch das Dressing mixen, den Tisch decken und vor allem die Käsespätzle kochen. Da auch Raul erst mit erheblicher Verspätung eintraf, machte es nichts, dass wir erst um 22:15 anfingen zu essen. Auch waren wir nur zu siebt, da sich der Kreis aus unterschiedlichsten Gründen an diesem, Abend doch reduzierte. Aber sieben, das ist auch eine biblische Zahl. Es wurde ein schöner Abend mit unserer Hausgemeinschaft und Antonias chilenischen Eltern, Theresa und Pepe. Das Essen ‚aleman‘ wurde mit bayrischem Paulaner-Bier und einem Rotwein mit dem vielsagenden Namen „Schwarzes Schaf“ bestens begleitet.

Um Mitternacht startete dann Antonia durch, um mit ihrer Gastschwester und Freundinnen auszurücken, um zu erleben, wie sich das anfühlt in den Diskotheken von Linares die ‚reina de noche‘ in dieser besonders vollen Vollmondnacht zu sein. Entsprechend zerknittert sah sie am nächsten Morgen aus.

 

Der Samstag war dann der erhoffte gemütliche Tag. Ausschlafen, gemütliches Packen der Koffer, Mittagessen mit Salat, Käsespätzle und Fruchtsalat mit ‚helado artesenal‘.

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Auf dem Heimweg

Und schon war es nachmittags um 14:45 Uhr. Wir starteten begleitet von Waldo, Jorge und Gelsemina zum Busterminal. Um 15:10 Uhr ging unser Linatal-Bus nach Santiago. Wir hatten Plätze oben im Doppeldeckerbus und dort ganz vorne. Und es lohnte sich. Bei stahlenden Sonnenschein wurde die Sicht in Richtung Santiago immer klarer. Die Andenkette zeigte sich in ihrer abwechslungsreichen Strukturierung und leuchtete uns mit Schneefeldern auf den höchsten Gipfeln entgegen. Die Obstgärten rechts und links der Ruta 5 und der Blick in die Küstenkordiliere zweigten uns den Reichtum dieser zentralen Zone Chiles. Und schließlich eröffnete sich uns ein sagenhaft klarer Blick über die Millionenmetropole in ihrer ganzen riesigen Ausdehnung, mit der Skyline aus unzähligen neuen Wolkenkratzer aber auch mit den aus Palletten und sonstigen Holzresten zusammengezimmerten Verschlägen, in denen oft ganze Großfamilien hausen.

Im Haus von Juan Carlos und Lucia verbrachten wir mit Monica einen gemütlichen Abend auf der Terrasse bei einem guten Vesper, Rotwein und Tee aus den im Garten wachsenden Blättern des Cetrone-Baumes. Stolz zeigte uns die Hausherrin dann auch den gerade abgeschlossen Anbaus eines zweiten Stockwerkes des netten Hauses im besseren Stadtviertel La Reina. Nachdem die Metro nicht mehr fuhr, rasten wir mit einem Taxi durch die hubbeligen Straßen Santiagos ins Kolping-Hotel zurück. Und auf den Straßen Santiagos passierten wir eine abgesperrte Stelle, wo unter dem unruhigen Geblinke der Polizeiautos eine Leiche abgedeckt war.

Dennoch hatten wir eine gute Nacht.

 

Auf nach Hause

Um 11.00 Uhr holt uns Mario, ein Freund von Waldo und Stadtplaner in Santiago ab. Er fährt uns an den Flughafen. An jeder Ecke und an jeder Brücke sind Polizistinnen und Polizisten postieret. Der mächtigste Mann der Welt, Barack Obama, wird an diesem Tag noch erwartet. Mit Spannung streifen wir durch den Flughafen, vielleicht schwebt die Ais Force Number One ja noch ein solange wir da sind. Aber es ist nichts zu sehen. Also hauen wir die letzten chilenischen Pesos raus. Jetzt sitzen wir im Flugzeug nach Sa Paulo und bereiten uns auf Deutschland vor.

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Eine tolle Reise mit vielen Eindrücken, Erfahrungen und Eindrücken geht zu Ende. Wir sind dankbar und auch ein wenig müde.

 

Der Rückflug verlief ruhig und ermöglichte uns genügend Schlafeinheiten. In stahlenden Sonnenschein und doch mehr als 10 Grad begüßte uns die Heimat in Frankfurt. Nun bringt uns der ICE pünktlich nach Hause.

 Und wehmütig sagen wir: Chao Chile.

 21.03.2011 Markus Essig

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